Musikschule nach Corona - was ist das Ziel?




Seit dem 17. März sind die öffentlichen Musikschulen in Baden-Württemberg und Deutschland gänzlich aufgrund der Corona Pandemie auf staatliche Anordnung hin geschlossen. Die Reaktion der meisten Musikschulen war schnell und innovativ – fast überall wurden digitale Hilfsmittel eingesetzt, um den Unterrichtsbetrieb zumindest in Teilen weiterführen zu können. Dabei entwickelten sich überaus moderne und kreative Ideen, die immer zum Ziel hatten, den Kontakt mit den Schülerinnen und Schülern beizubehalten.
Somit bringt die Coronakrise auch etwas Positives mit sich – die Lehrkräfte  müssen sich jetzt mit digitale Möglichkeiten auseinandersetzen und tun dies mit viel Enthusiasmus und Kreativität. So entstehen derzeit tolle Tutorials/ Lernvideos, sinnvolle Lernbegleitungen auch über den Präsenzunterricht hinaus und starke Präsenzen durch eine gute digitale Öffentlichkeitsarbeit. Dabei ist Innovation und Fortschritt immer wichtig, jedoch mit Plan, Sinn und Verstand. Man darf das eigentliche Profil, das Leitbild und die "Mission" nie aus den Augen verlieren und stets im Vordergrund lassen.

In den letzten Wochen gibt es für mich beängstigende Bestrebungen die "neu entdeckten" Onlineangebote nachhaltig in öffentlichen Musikschulen zu etablieren. 
Der VdM schreibt in seinem Leitbild:

Kunst und Kultur sind als elementare Bestandteile des Menschseins und prägende Grundlagen für das gesellschaftliche Zusammenleben.“

„Jede unserer Musikschulen im VdM hat ihr eigenständiges Profil als lebendiger Bildungsorganismus und als musikkulturelles Zentrum, mit dem sie das Musikleben in der Kommune mitgestaltet.“
Musikschulveranstaltungen ermöglichen Besuchern kulturelle Teilhabe und Schülerinnen wie Schülern Auftrittslernen als Bestandteil des pädagogischen Konzepts.“

„Gesellschaftlichen Veränderungen begegnen wir mit neuen Ideen und nachhaltigen Konzepten. Damit befördern wir Kontinuität in der musikalischen Bildung sowie deren Akzeptanz und Wertschätzung in Politik und Öffentlichkeit.“ (VdM)

Es ließen sich noch zahlreiche weitere Zitate aus den Texten des VdM zitieren, die deutliche Bekenntnisse zum stärksten aller Profile der öffentlichen Musikschulen sein müssen: dem Präsenzunterricht!
Wie sollen akustische Instrumente, die den Raumklang benötigen, digital unterrichtet werden? Wie soll das Gemeinschaftsgefühl von Musik digital vermittelt werden? Heißt "Musik machen" nicht "Mensch-sein"? Kann ein lebendiger Bildungsorganismus oder das Musikleben digital ermöglicht werden? Kann Kunst, Kultur und Bildung ausschließlich über den Monitor, das Mikrofon und über Kopfhörer vermittelt werden?
Und die wichtigste Frage: Was verstehen wir unter den neuen Ideen und nachhaltigen Konzepten, welche Kontinuität befördern?

Was Ausnahme bleiben muss, ist der Onlineunterricht. Dieser ist ein klarer "Alternativunterricht während der Coronakrise"! Ansonsten werden sich die Musikschulen mit der Zeit selbst abschaffen!
Und die Erfahrungen der letzten Wochen haben gezeigt, - diese Unterrichtsform kann über die derzeitigen Portale nicht einmal annähernd das Profil der öffentlichen Musikschulen, den Präsenzunterricht, ersetzen! Dies haben mir viele Kolleginnen und Kollegen, sowie Schüler und deren Eltern bestätigt.
Wer Onlineunterricht nachhaltig an einer Musikschule etabliert, startet unweigerlich eine Kettenreaktion, deren Ausgang schmerzlich für öffentliche Musikschulen ausgehen könnte.
Deshalb benötigen wir ein klares Profil, eine einheitliche Leitlinie oder gar eine klare Mission.

Ich rufe dazu auf, dass die öffentlichen Musikschulen in Baden-Württemberg und Deutschland einheitlich in den Bereichen Onlineunterricht und Digitalisierung Stellung beziehen!
Dabei kann für mich nur vom Präsenzunterricht mit digitaler Ergänzung die Rede sein. 

Zukunftsvision – was wäre, wenn?


Ich sehe überaus positiv in die Zukunft. Nach der Coronakrise werden Schülerinnen und Schüler den Präsenzunterricht mit der persönlichen Beziehung zur Lehrkraft mehr schätzen, denn je. Sind es doch Musikschullehrkräfte, die vor, während und zukünftig wichtige Vertrauenspersonen und Vorbilder der Schüler sind. Durch die in der Coronazeit geschaffene Präsenz der Musik durch Flashmobs oder Fensteraktionen in den sozialen Medien könnte musikalische Bildung sogar einen Aufschwung erleben. So war es die Musik, die während der Krise Hoffnung spendete, sei es durch Balkonkonzerte oder gemeinsame nationale und internationale Musikaktionen. Gerade Eltern werden Bildungsberufe mehr zu schätzen wissen und von digitalen Medien wird jeder auch mal "die Schnauze voll haben". Schüler werden ihre mobilen Endgeräte wesentlich sinnvoller einsetzen als zuvor. Sie sehen ihr Smartphone mehr als Lernbegleiter und Lexikon.
Veranstaltungen erleben einen Boom. Ohne Kunst und Kultur ist der Mensch nicht vollständig, und dies wird nun nachgeholt. Musik will wieder gemeinschaftlich live erlebt werden.
Nach der Krise werden auch die letzten Musikschulen bemerkt haben, dass man als „lernende Organisation“ innovativ am Zahn der Zeit bleiben muss. So werden Verwaltungen mehr mit Cloudlösungen arbeiten, um mobiles Arbeiten zu ermöglichen. Zudem wird eine wesentlich präsentere PR-Arbeit auch über Social-Media-Kanäle und Sharing-Plattformen geleistet.
Tutorials und Lernvideos haben sich zusätzlich zum Präsenzunterricht etabliert und Lehrkräfte bilden Arbeitsgemeinschaften, in denen sie einheitliche, qualitativ hochwertige Tutorials produzieren. Schüler melden sich regelmäßig mit kleinen, selbst aufgenommenen Videos bei der Lehrkraft, um eine zusätzliche Lernbetreuung in der Woche zu erhalten. Dadurch sind nun auch alle Lehrkräfte mit den notwendigen digitalen Endgeräten ausgestattet. Dies erleichtert zudem die interne und externe Kommunikation. Zusätzlich ist der Digitalisierungsstand der Lehrkräfte nun wesentlich höher und es herrscht mehr Themenaffinität.
Öffentliche Musikschulen werden nach der Coronakrise weiterhin den Präsenzunterricht als Kernelement des Bildungsangebots haben, nun jedoch mit sinnvollen digitalen Ergänzungen und Lernhelfern.

„Wir sehen die musikalische Bildung im Kontext einer ganzheitlichen Bildung des Menschen und damit als Teil der Allgemeinbildung. Dabei spielen im Unterricht künstlerische Fähigkeiten und Fertigkeiten ebenso wie die damit erworbenen Schlüsselkompetenzen eine Rolle. Wir schaffen musikalische Erlebnisräume und vermitteln Lust am Musizieren – aus Leidenschaft und Überzeugung!“ (VdM)



Kommentare

  1. ".... Öffentliche Musikschulen werden nach der Coronakrise weiterhin den Präsenzunterricht als Kernelement des Bildungsangebots haben, nun jedoch mit sinnvollen digitalen Ergänzungen und Lernhelfern. "
    Also dass, was M. Pannes mit der Sentenz formuliert hat: "Die Zukunft der Musikschule ist hybrid", oder?.

    Von einer Musikschule, die den Präsenzunterricht zugunsten online-Angebote abschaffen will, habe ich übrigens noch nicht gehört....

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    1. Dieser Text steht nicht im Verhältnis zu einem anderen Text. Ergibt lediglich meine persönlichen Gedanken wieder.
      Aber „hybrid“ als Begriff sollte zunächst definiert werden. Für mich bedeutet es „beides vermischt zu gleichen Teilen“. Dies sehe ich nicht so. Der Präsenzunterricht muss den Hauptteil bei einer sinnvollen musikalischen Bildung ausmachen. Der Begriff „digitale Ergänzung“ ist für mich wesentlich griffiger. Zudem heißt Ergänzung, dass der Unterricht zusätzlich mit digitalen Lernbegleitern ausgestattet werden kann, es aber nicht unbedingt muss. Hybrid ist mir persönlich hier etwas zu viel des Guten.

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